Metaverse: Hype oder Wendepunkt?
Wenn der Harvard-Professor Howard Stevenson von Wendepunkten spricht, denkt er an Veränderungen, die dramatische Auswirkungen mit sich bringen. Diese Wendepunkte können auf Branchen oder auf die Menschheit weitreichende Wirkungen entfalten, treten aber nur selten auf, wie beispielsweise das World Wide Web, Smartphones oder soziale Netzwerke. Rückblickend gesehen erscheint es offensichtlich, dass sich diese Entwicklungen durchgesetzt haben, einen Wendepunkt bedeuteten. Meist werden Wendepunkte jedoch erst im Nachhinein erkannt. Historisch dokumentiert ist dies unter anderem in Aussagen von Zukunftsforschern, die noch um die Jahrtausendwende dem World Wide Web keine Chance gaben, ein Massenmedium zu werden, oder in Kommentaren von Marketingexperten, die soziale Netzwerke in ihren frühen Phasen belächelten. Sogar einflussreiche Tech-Größen, mit allen verfügbaren Ressourcen zur Analyse von Entwicklungen, können Wendepunkte übersehen. So geschehen im Fall von Steve Ballmer, langjähriger CEO von Microsoft. Kurz nachdem Steve Jobs 2007 das erste iPhone von Apple (Cupertino, Kalifornien, USA) präsentierte, stellt Ballmer diesem keine gute Prognose aus, denn ohne Tastatur ist es keine gute E‑Mail-Maschine, die Geschäftsleute werden es daher nicht mögen. Kaum jemand konnte damals ahnen, wie sehr sich Ballmer irrte. Wenn insofern einer der führenden Tech-Unternehmer unserer Zeit, Elon Musk, in einem Interview zu seiner Einschätzung des Metaverse gefragt wird und er antwortet, er kann nicht erkennen wohin die Metaverse-Entwicklung führen soll und er glaube nicht daran, dass sich Menschen freiwillig einen Bildschirm unmittelbar vor die Augen geben, dann sollte seine kritische Perspektive durchaus auch kritisch vor dem Hintergrund vergangener Wendepunkte und der prognostischen Qualität vergangener Experten und Expertinnen betrachtet werden.

Aktuell ist das Metaverse mehr Vision als Realität, auch wenn viele Marktteilnehmer:innen ihre isolierten, virtuellen Welten nun als das Metaverse vermarkten. Virtuelle Welten sind aber nichts Neues. Second Life, eine der bekanntesten virtuellen Welten, wurde bereits 2003 gegründet und ist heute sogar noch online. Doch auch wenn die Vision eines interoperablen, persistenten und skalierbaren Metaverse noch Jahre entfernt ist, ermöglichen die aktuellen technologischen Fortschritte jetzt schon die Entwicklung neuartiger Erlebnisse. Und viele Unternehmer:innen und Markenverantwortliche suchen die Chancen, die sich hieraus ergeben können. So experimentieren bekannte Brands beispielsweise in virtuellen Welten, wie Gucci in Roblox, Samsung in Decentraland oder Ferrari in Fortnite. Sie kreieren virtuelle Erlebnisse, kaufen virtuelles Land, veranstalten virtuelle Events oder eröffnen virtuelle Shops. Viele Unternehmen sind bei der Publikation der Ergebnisse ihrer Metaverse-Aktivitäten jedoch zurückhaltend, daher müssen interessierte Marktbeobachter:innen häufig selbst eine Einschätzung treffen. Meiner Beobachtung nach ergibt sich ein Bild, in dem ein Engagement in virtuellen Welten keineswegs ein Selbstläufer ist und viele Aktivitäten vermutlich hinter ihren Erwartungen zurückbleiben, sollten diese in finanziellen und nicht in Entwicklungszielen formuliert sein. Manager:innen sollten sich folglich gut überlegen, welchen Zweck sie mit ihren Metaverse-Aktivitäten verfolgen.
Ein Metaverse-Anwendungsfall, der weniger stark medial begleitet wird, aber meines Erachtens durchaus Potenzial hat, ist die Anwendung von Metaverse-Technologien für den Arbeitsalltag. Denn während Tech-Unternehmen und Start-ups ihre Mitarbeiter:innen viele Jahre lang mit zahlreichen attraktiven Zusatzleistungen (kostenloses Essen, kostenloses Fitnesscenter etc.) in ihre Offices gelockt haben, ist nun vermehrt der Wunsch nach völliger Flexibilität bei der Arbeitsgestaltung zu beobachten. Sichtbar wurde dies u. a. in einem offenen Brief von Apple Mitarbeiter:innen, die eindrücklich an ihr Management appellierten („Office-bound work is a technology from the last century“), die zunehmend eingeforderte physische Rückkehr in die Apple Offices nach Beendigung der strengen COVID-Sicherheitsmaßnahmen zu überdenken.

Die nächsten Jahre werden in Bezug auf das Metaverse sicherlich interessant und ereignisreich. Aber auch wenn aus aktueller Sicht noch nicht klar ist, ob das Metaverse einen Wendepunkt darstellt, sollten Unternehmen mit dem Aufbau von Metaverse-Kompetenzen beginnen, denn die Dynamik in diesem Themenfeld ist sehr hoch und es entstehen bereits heute zahlreiche relevante Möglichkeiten, die es zumindest wahrzunehmen, zu evaluieren und womöglich zu nutzen gilt. Der Aufbau von Metaverse-Kompetenzen ist daher aus meiner Sicht, trotz der ungewissen Zukunft des Metaverse, ein sinnvolles Zukunftsinvest.
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Autor: Metzler, T. Metaverse: Hype oder Wendepunkt?. Wirtschaftsinformatik & Management 15, 63–67 (2023), mit Open Access | CC BY 4.0 | DOI: 10.1365/s35764-022-00447-x
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