Parallelwelten – Fragmente einer demokratischen Gesellschaft
Die Vorstellung paralleler Welten stammt ursprünglich aus der Physik und Kosmologie. Während Physiker über Quantenverzweigungen und kosmische Blasenuniversen diskutieren, beschreiben Soziologen und Philosophen eine Fragmentierung der Gesellschaft in getrennte Realitäten, die sich kaum noch überschneiden. Diese Parallelwelten sind keine spekulativen Konstrukte, sondern empirisch beobachtbare Phänomene, die das Fundament demokratischer Diskurse bedrohen.
Im Kern lässt sich gesellschaftliche Fragmentierung als ein Zustand des Zusammenbruchs von Institutionen und Beziehungen charakterisieren. In diesem Zustand sind Informationsflüsse, Interaktionskanäle und gemeinsame Erfahrungsräume systematisch gestört. Was auf den ersten Blick nach pluralistischer Vielfalt aussieht, entpuppt sich als eine tiefe Spaltung, die die Möglichkeit rationaler Deliberation und gemeinsamer Urteilsbildung untergräbt.
Historische Perspektiven: Von Platon zur Postmoderne
Die philosophische Auseinandersetzung mit getrennten Welten hat tiefe Wurzeln. Platon beschrieb bereits in seiner Höhlengleichnis-Parabel Menschen, die in unterschiedlichen Erkenntniszuständen verharren – einige gefangen in Schattenwelten, andere auf dem Weg zur wahren Erkenntnis. Diese epistemologische Trennung zwischen Schein und Sein spiegelt sich heute in der Trennung zwischen faktengesättigten und faktenresistenten Öffentlichkeiten wider.
Aristoteles betonte die Bedeutung gemeinsamer Erfahrungsräume für die Polis. In seiner „Politik“ argumentierte er, dass Bürger nur durch gemeinsame deliberative Praxis zu einer funktionierenden Gemeinschaft werden können. Die heutige Fragmentierung zerstört genau diese gemeinsamen Räume, in denen politische Urteile gebildet werden.
In der Neuzeit entwickelte Hegel seine Dialektik als Versuch, scheinbar unvereinbare Gegensätze in einer höheren Einheit zu synthetisieren. Doch wie Max Horkheimer kritisierte, führte die moderne Arbeitsteilung zur Fragmentierung der Vernunft selbst. Die Philosophie fragmentierte sich in immer spezialisierte Disziplinen, die kaum noch miteinander kommunizieren – ein Prozess, der sich in der Gesellschaft insgesamt wiederholt.
Die Kritische Theorie des 20. Jahrhunderts analysierte diese Fragmentierung als Folge kapitalistischer Vergesellschaftung. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zeigten, wie die Aufklärung in ihr Gegenteil umschlägt und zur neuen Mythenbildung führt. Diese Diagnose erhält im Zeitalter der digitalen Parallelwelten neue Aktualität.
Zeitgenössische Philosophen: Stimmen der Fragmentierung
Charles Taylor: Das „Great Disembedding“
Der kanadische Philosoph Charles Taylor beschreibt die moderne Gesellschaft als durch einen Prozess des „great disembedding“ gekennzeichnet. Individuen werden aus traditionellen Zusammenhängen herausgelöst und atomisiert. Diese Entwicklung führt zu einer doppelten Fragmentierung: zur Atomisierung der Individuen in der Gesellschaft und zur Fragmentierung der menschlichen Person selbst, die in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft unterschiedlichen, oft widersprüchlichen Rollenanforderungen entsprechen muss.
Taylor diagnostiziert eine Dehumanisierung der Gesellschaft, die als Fragmentierung unseres Lebens beschrieben werden kann. Diese Fragmentierung findet auf zwei Ebenen statt: einerseits auf der Ebene der sozialen Strukturen, andererseits auf der Ebene der individuellen Identität. Die Folge ist ein Verlust von Kohärenz und Sinn, der zu politischer Apathie und Radikalisierung führt.
Jürgen Habermas: Der Strukturwandel der Öffentlichkeit
Habermas‘ frühe Analyse des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ (1962) erhält im digitalen Zeitalter neue Aktualität. Während er damals die Kommerzialisierung der Massenmedien kritisierte, diagnostizieren heutige Philosophen einen weiteren Strukturwandel durch die Digitalisierung. Die Öffentlichkeit fragmentiert sich in unzählige Teilöffentlichkeiten, die kaum noch miteinander kommunizieren.
Habermas‘ Konzept der deliberativen Demokratie gewinnt in diesem Kontext neue Bedeutung. Nur durch strukturierte Dialogformate und gemeinsame deliberative Praxis können getrennte Öffentlichkeiten wieder miteinander in Kontakt treten. Die Herausforderung besteht darin, diese Formate im digitalen Zeitalter neu zu gestalten.
Byung-Chul Han: Die Erschöpfung der digitalen Gesellschaft
Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han analysiert, wie digitale Medien zur Fragmentierung der Aufmerksamkeit und zur Erschöpfung der Gesellschaft führen. Seine Diagnose der „Müdigkeitsgesellschaft“ beschreibt Individuen, die durch die ständige Überforderung mit Informationen und die Zersplitterung ihrer Aufmerksamkeit in verschiedene parallele Informationsströme ausgebrannt sind.
Han kritisiert die „Transparenzgesellschaft“, in der alles sichtbar und kommunizierbar wird, aber nichts mehr wirklich verstanden wird. Die Fragmentierung der Aufmerksamkeit führt zu einer Oberflächlichkeit des Denkens, die politische Urteilsbildung erschwert.
Hartmut Rosa: Die Beschleunigung der Gesellschaft
Rosa analysiert die dynamische Stabilisierung moderner Gesellschaften, die auf ständigem Wachstum und Beschleunigung basieren. Diese Dynamik führt zu einer Fragmentierung der Erfahrungsräume: Menschen leben in unterschiedlichen „Zeitwelten“, in denen sich Erfahrungen kaum noch synchronisieren lassen.
Rosa’s Konzept der „Resonanz“ bietet einen Ausweg aus der Fragmentierung: Durch resonante Beziehungen zur Welt können Menschen wieder Sinn und Kohärenz erfahren. Diese Resonanzbeziehungen sind jedoch in einer fragmentierten Gesellschaft schwer zu etablieren.
Axel Honneth: Kampf um Anerkennung
Honneth‘ Theorie der Anerkennung gewinnt im Kontext der Fragmentierung neue Bedeutung. Wenn verschiedene Gruppen sich nicht mehr anerkennen, sondern als Feinde betrachten, zerfällt die soziale Integration. Die Fragmentierung der Gesellschaft ist somit auch eine Krise der gegenseitigen Anerkennung.
Honneth argumentiert, dass soziale Gerechtigkeit nur durch gegenseitige Anerkennung möglich ist. In einer fragmentierten Gesellschaft wird diese Anerkennung systematisch untergraben, was zu sozialen Konflikten und politischer Polarisierung führt.
Philosophische Dimensionen: Jenseits der Oberfläche
Epistemologische Fragmentierung
Die Aufspaltung der Gesellschaft in Parallelwelten ist primär eine epistemologische Krise. Wenn verschiedene Gruppen unterschiedliche Fakten als wahr akzeptieren, wird rationale Deliberation unmöglich. Wie Friedrich Kambartel argumentierte, setzt vernünftiger Diskurs eine gemeinsame Basis geteilter Urteile voraus. Ohne diese Basis zerfällt der Diskurs in unverbundene Monologe.
Die epistemologische Fragmentierung manifestiert sich in unterschiedlichen Medienökologien. Verschiedene Gruppen konsumieren unterschiedliche Nachrichtenquellen, vertrauen unterschiedlichen Experten und interpretieren Ereignisse auf völlig unterschiedliche Weise. Diese Trennung ist nicht nur kognitiv, sondern auch emotional und identitär aufgeladen.
Die Forschung zeigt, dass die Fragmentierung der Öffentlichkeit kein neues Phänomen ist, aber durch die Digitalisierung massiv verstärkt wird. Die digitale Vernetzung und die ihr zugeordnete Privatisierung von kommunikativen Arenen führen zu einer Erosion „inklusiv auftretenden Öffentlichkeit“.
Ontologische Unsicherheit
Die Fragmentierung führt zu einer ontologischen Unsicherheit: Was ist wirklich? Welche Realität zählt? Diese Unsicherheit wird politisch instrumentalisiert, wenn Akteure behaupten, ihre Gegner lebten in einem „Paralleluniversum“. Diese Rhetorik ist nicht nur polemisch, sondern spiegelt eine genuine ontologische Verunsicherung wider.
Die ontologische Unsicherheit betrifft nicht nur individuelle Identitäten, sondern auch kollektive Zugehörigkeiten. Wenn es keine gemeinsame Realität mehr gibt, wird auch die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft problematisch. Die Folge ist eine Fragmentierung der Staatsbürgerschaft, in der partizipatorisch gebundene Zugehörigkeit (Identität) an die Stelle zentralstaatlich formulierter Staatsangehörigkeit tritt.
Ethik der Fragmentierung
Die ethische Dimension der Fragmentierung besteht darin, dass sie Empathie und Solidarität erschwert. Wenn Menschen in getrennten Welten leben, können sie die Erfahrungen anderer kaum noch nachvollziehen. Dies führt zu einer Dehumanisierung, wie sie von Theologen und Ethikern beschrieben wird.
Die ethische Fragmentierung manifestiert sich in der Unfähigkeit, moralische Urteile zu teilen. Was für eine Gruppe als gerecht gilt, wird von einer anderen als ungerecht empfunden. Diese moralische Inkommensurabilität erschwert nicht nur politische Kompromisse, sondern untergräbt die Möglichkeit moralischer Deliberation insgesamt.
Politische Fragmentierung und Identität
Die Fragmentierung des Parteiensystems beschreibt die Anzahl der Parteien und deren jeweilige Größenordnung zueinander. Der Parteienwettbewerb ist pluraler, unübersichtlicher und fluider geworden, mit eindeutigen Tendenzen zur Polarisierung sowie erhöhter Fragmentierung und Segmentierung.
Die zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems erschwert die Regierungsbildung erheblich. Es kann deshalb von einem fluiden pluralistischen System gesprochen werden, das durch Polarisierung, Fragmentierung und Segmentierung geprägt ist.
Identitätsbasierte Polarisierungen unterscheiden zwischen einem „Wir“ und einem „Sie“, um die eigene Identität schärfer zu konturieren. Eine Politik, die auf Identität abstellt, rückt nicht den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt, sondern eine bestimmte Gruppe. Sie orientiert ihr politisches Handeln an der Zugehörigkeit zu einer beispielsweise sozialen, ethnischen, kulturellen oder religiösen Einheit.
Identitätspolitik zielt auf das Partikulare – abgrenzend, aber auch ausgrenzend. In den aktuellen Debatten sind es dabei vorrangig die dem linken Spektrum zugeordneten Parteien, gesellschaftliche Institutionen und Akteure, die die Gesellschaft parzellieren und kämpferischen Gruppenidentitäten, einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“ und Moralismus Vorschub leisten.
Das Multiversum der Identität: Philosophische Konsequenzen
Die physikalische Multiversum-Theorie hat philosophische Implikationen für das Verständnis von Identität. Wenn es unendlich viele Versionen jedes Individuums gibt, wird die Einzigartigkeit der Person problematisch. Die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik widerspricht fundamental unserem Verständnis von personaler Identität.
Revision des Selbstbegriffs
Im Multiversum müssen wir den Begriff des „Selbst“ revidieren. Eine Person ist nicht mehr ein singuläres Wesen, sondern eine kontinuierliche Kette von Bewusstseinszuständen, die sich über verschiedene Welten erstreckt. Personal identity kann nur noch durch temporale Teile verstanden werden, nicht durch eine substanzielle Einheit.
Diese Revision des Selbstbegriffs hat Konsequenzen für das politische Denken. Wenn das Selbst nicht mehr als Einheit verstanden werden kann, wird auch die Vorstellung einer einheitlichen politischen Identität problematisch. Die Folge ist eine Fragmentierung der Identität in multiple, sich überschneidende Zugehörigkeiten.
Verlust personaler Wertigkeit
Die Multiversum-Theorie untergräbt die Idee personaler Wertigkeit. Wenn unendlich viele Versionen von dir existieren, wird deine Einzigartigkeit zur Illusion. Du bist nicht länger ein distinktes Individuum, sondern eine Instanz in einer unendlichen Menge von Variationen.
Der Verlust personaler Wertigkeit führt zu einer Entwertung politischer Verantwortung. Wenn es unendlich viele Versionen von mir gibt, die unterschiedliche Entscheidungen treffen, verliert meine Entscheidung an Bedeutung. Diese Entwertung der Verantwortung untergräbt die Grundlage politischer Teilhabe.
Auflösung des Willens
Die Vorstellung eines Multiversums negiert die Essenz des freien Willens. Wenn jede mögliche Entscheidung irgendwo realisiert wird, verliert die Wahl an Bedeutung. Verantwortung und Selbstbestimmung werden zu subjektiven Konstrukten ohne reale Kraft im Universum.
Die Auflösung des Willens hat Konsequenzen für die Demokratie. Wenn individuelle Entscheidungen keine reale Kraft haben, wird auch die demokratische Teilhabe problematisch. Die Folge ist eine Entpolitisierung der Gesellschaft, in der Bürger sich als ohnmächtig gegenüber den großen Strukturen erleben.
Gesellschaftliche Pathologien: Von der Psychose zur Politik
Interessante Parallelen finden sich zwischen individueller psychischer Fragmentierung und gesellschaftlicher Spaltung. Wie Klaus Kunze argumentiert, fragmentiert beim schizophrenen Menschen die basale Persönlichkeit, ähnlich wie wir in der Gesellschaft Abspaltungen und Fragmentierungen antagonistischer Milieus beobachten können.
Wenn die Psychiatrie die Entpersönlichung des Schizophrenen mit dem Bild einer in viele Sandkörner zerfließenden Sandburg beschreibt, erleben wir einen analogen Verlust der gesamtgesellschaftlichen Bindungskräfte. Früher gemeinschaftliche Sinnstiftungen, Wertüberzeugungen und Identitäten rinnen uns wie Sand durch die Finger.
Diese Analogie ist nicht nur metaphorisch: Der Zusammenhalt geht durch Fragmentierung verloren, Teile spalten sich ab, und die Gestaltwahrnehmung verschwindet. Wie bei einem psychisch Erkrankten die Persönlichkeit sich auflöst, werden im gesellschaftlichen Dekonstruktivismus soziale Zusammenhänge fragmentiert und aufgelöst.
Fragmentierung als soziale Pathologie
Die Fragmentierung der Gesellschaft kann als soziale Pathologie verstanden werden. Wie individuelle psychische Erkrankungen zu einer Fragmentierung der Persönlichkeit führen, führt die gesellschaftliche Fragmentierung zu einer Spaltung des sozialen Körpers. Diese Pathologie manifestiert sich in verschiedenen Formen: politischer Apathie, Radikalisierung, Vertrauensverlust in Institutionen und der Unfähigkeit zu gemeinsamer Urteilsbildung.
Die soziale Pathologie der Fragmentierung ist besonders problematisch, weil sie sich selbst verstärkt. Je fragmentierter die Gesellschaft, desto schwerer fällt es, gemeinsame Lösungen für die Fragmentierung zu finden. Dies führt zu einem Teufelskreis, in dem die Fragmentierung immer tiefer wird.
Parallelgesellschaften und Wertekonsens
Die Debatte um „Parallelgesellschaften“ betrifft die Frage, wie viel Wertekonsens unsere Gesellschaft braucht. Eine erste Position beschwört das Scheitern der Integration und zeichnet ein düsteres Bild von den Einwanderervierteln unserer Großstädte. Dort hätten sich Parallelgesellschaften eingenistet, also Welten, die sich zunehmend von der Mehrheitsgesellschaft abkoppeln. In ihnen gelten eigene Regeln – nämlich die des Islams und die archaischer Stammeskulturen.
Diese Debatte ist jedoch problematisch, weil sie oft kulturalistisch und essentialistisch argumentiert. Statt von „Parallelgesellschaften“ zu sprechen, sollte von fragmentierten Öffentlichkeiten gesprochen werden, die sich aus verschiedenen Gründen voneinander abkoppeln. Die Lösung liegt nicht in der Assimilation, sondern in der Schaffung gemeinsamer Erfahrungsräume, in denen unterschiedliche Gruppen miteinander kommunizieren können.
Toleranz in Zeiten der Parallelwelten: Jenseits einfacher Paradoxien
In einer fragmentierten Gesellschaft stellt sich die Frage nach den Grenzen der Toleranz mit neuer Dringlichkeit. Karl Popper formulierte 1945 in einer Fußnote zu „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das sogenannte „Toleranzparadoxon“: Uneingeschränkte Toleranz führe mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.
Doch diese Formel ist zu einfach gedacht. Das Paradoxon besteht nicht darin, dass eine zu tolerante Gesellschaft von intoleranten Menschen abgeschafft werden könnte – das ist zwar tragisch, aber keineswegs paradox. Das eigentliche Paradoxon besteht darin, dass es Kriterien geben muss, nach denen man Intoleranz ausschließen kann, ohne selbst als intolerant zu gelten.
Die Grenzen der Toleranz
Toleranz ist charakterisiert durch eine Trias von Ablehnung, Anerkennung und Grenzsetzung. In einer fragmentierten Gesellschaft wird die Grenzsetzung zum Problem: Wer setzt die Grenze? Nach welchen Kriterien? Und mit welcher Legitimität?
Es lassen sich immer zwei Grenzlinien der Toleranz erkennen: im soziokulturellen Bereich liegt die eine zwischen dem Tolerierbaren und dem Nichttolerierbaren, die andere zwischen dem Tolerierbaren und der Übereinstimmung. Die erste trennt den Bereich von Überzeugungen, deren Tolerierung nicht geboten ist von den Überzeugungen, deren Tolerierung geboten ist. Die zweite Grenze trennt Inhalte, deren Intoleranz geboten ist, also deren Tolerierung verboten ist, von denen, deren Tolerierung geboten ist.
Toleranz endet dort, wo eine Person oder Gruppe ihre partielle Identität mit Zwangsmitteln zur Basis allgemein verbindlicher Regelungen machen will. Die Grenze liegt dort, wo das Gemeinsame aufhört. Ein geordnetes Leben in einer Gesellschaft setzt voraus, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt, der über die individuellen Unterschiede hinausgeht.
Autonomie, Pluralität und Fallibilität
Wo sind die Grenzen dieser Toleranz und gibt es überhaupt welche? Ja, es gebe Grenzen, wobei insbesondere pluralistisch oder fallibilistisch denkende Menschen die Gefahr der Intoleranz berücksichtigen müssten. Im Rahmen der eigenen Integrität des Selbst sei man jedoch nicht gezwungen alles hinzunehmen – man könnte wohl von individuellen ethischen Grenzen sprechen. Autonomie, Pluralität und Fallibilität bildeten die Basis eines friedlichen Miteinanders in einer Demokratie.
Die Paradoxie der Grenzziehung wäre vermieden, wenn die Gründe, die die Grenzen der Toleranz markieren, sich selbst am Prinzip des demokratischen Respekts orientierten und die Grenze dort ziehen, wo das Recht auf Rechtfertigung oder grundlegende Bürgerrechte verletzt werden.
Die Herausforderung der digitalen Öffentlichkeit
Digitale Räume verschärfen das Problem. Einerseits ermöglichen sie eine nie dagewesene Vielfalt der Meinungen. Andererseits führen Algorithmen und Filterblasen dazu, dass verschiedene Gruppen in getrennten Informationsräumen leben, in denen unterschiedliche Fakten, Werte und Normen gelten.
Die Regulierung digitaler Plattformen ist schwierig. Zu viel Regulierung gefährdet die Meinungsfreiheit, zu wenig ermöglicht die Verbreitung von Hass und Desinformation. Doch in einer fragmentierten Gesellschaft wird jede Regulierungsentscheidung als parteiisch wahrgenommen. Was für eine Gruppe als notwendiger Schutz gegen Hassrede erscheint, ist für eine andere bereits Zensur.
Philosophische Lösungsansätze: Jenseits der Patentrezepte
Wiederherstellung gemeinsamer Erfahrungsräume
Aristoteles‘ Einsicht bleibt aktuell: Gemeinsame Erfahrungsräume sind konstitutiv für politische Gemeinschaft. Die Herausforderung besteht darin, diese Räume im digitalen Zeitalter neu zu schaffen. Dies erfordert nicht nur technologische Regulierung, sondern eine bewusste kulturelle Praxis der gemeinsamen Deliberation.
Deliberative Demokratie als Antwort
Die Philosophie der deliberativen Demokratie bietet einen Ausweg aus der Fragmentierung. Durch strukturierte Dialogformate, Bürgerräte und partizipative Verfahren können getrennte Öffentlichkeiten wieder miteinander in Kontakt treten. Wichtig ist dabei, dass diese Formate nicht nur Meinungsaustausch ermöglichen, sondern transformative Lernprozesse initiieren.
Anerkennung der Fragmentierung
Paradoxerweise erfordert die Überwindung der Fragmentierung zunächst ihre Anerkennung. Wie Hegel lehrte, müssen Gegensätze in ihrer Fülle anerkannt werden, bevor sie synthetisiert werden können. Die Fragmentierung der Gesellschaft ist kein zu eliminierender Defekt, sondern eine Herausforderung, die neue Formen der Einheit erfordert.
Die Anerkennung der Fragmentierung bedeutet nicht ihre Akzeptanz, sondern ihre produktive Wendung. Durch die Anerkennung der Unterschiede können neue Formen der Einheit geschaffen werden, die die Unterschiede nicht eliminieren, sondern integrieren.
Fazit: Philosophie in Zeiten der Parallelwelten
Die Philosophie steht vor der Aufgabe, die Fragmentierung der Gesellschaft nicht nur zu diagnostizieren, sondern auch Wege zu ihrer Überwindung aufzuzeigen. Dies erfordert eine Rückbesinnung auf klassische Einsichten – von der Bedeutung gemeinsamer Erfahrungsräume bis zur Notwendigkeit geteilter Urteile – bei gleichzeitiger Offenheit für neue Formen der Gemeinschaft im digitalen Zeitalter.
Die Parallelwelten der Politik sind keine Naturgegebenheit, sondern ein historisch gewordener Zustand, der veränderbar ist. Die Philosophie kann dazu beitragen, diese Veränderung zu denken und zu gestalten – indem sie die Fragmentierung ernst nimmt, ohne sich in ihr zu verlieren.
Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zu finden zwischen der Anerkennung legitimer Diversität und der Bewahrung gemeinsamer demokratischer Grundlagen. Es geht nicht darum, alle Unterschiede zu beseitigen, sondern darum, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Fakten zu bewahren, auf deren Basis Unterschiede konstruktiv verhandelt werden können.
Die Fragmentierung der Gesellschaft ist kein unumkehrbarer Prozess. Mit gezielten politischen Maßnahmen, einer starken Zivilgesellschaft und einem engagierten Journalismus kann es gelingen, die Risse in der Demokratie zu kitten und eine neue, inklusive Öffentlichkeit zu schaffen. Der Preis des Nicht-Handelns wäre hoch – vielen wäre er zu hoch: eine Demokratie, die nicht mehr in der Lage ist, die großen Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam zu bewältigen.
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