Die Wahrheit über Nahrungsergänzungsmittel

Ein Milliardenmarkt, der von regulatorischen Grauzonen profitiert

Rund 4,3 Milliarden Euro werden in Deutschland im Jahr 2025 für Nahrungsergänzungsmittel ausgegeben – mit jährlichen Wachstumsraten von etwa sieben Prozent. Der globale Markt, laut Schätzungen bereits 2022 bei umgerechnet über 380 Milliarden Dollar, soll sich bis 2030 nahezu verdoppeln. Was einen solchen Wachstumskurs bemerkenswert macht, ist nicht die Nachfrage selbst, sondern ihr Fundament: Es ruht zu großen Teilen auf gesundheitlichen Versprechen, deren wissenschaftliche Evidenz dünn bis nichtexistent ist. Rund neun von zehn Europäern konsumieren Nahrungsergänzungsmittel, meist in der Absicht, „die allgemeine Gesundheit zu erhalten“ oder „das Immunsystem zu stärken“ – Gründe, für die es nach Lage der aktuellen Forschung keinerlei Beleg gibt.

Das Paradoxe daran: Während Medikamente ein jahrelanges, kostspieliges Zulassungsverfahren durchlaufen müssen, bevor sie auf den Markt kommen, gelten Nahrungsergänzungsmittel rechtlich als Lebensmittel. Sie werden ohne vorherige behördliche Prüfung der Wirksamkeit oder Sicherheit verkauft. Ein Hersteller muss lediglich anzeigen, dass er ein neues Produkt in Verkehr bringt – die Verantwortung für die Sicherheit liegt beim Unternehmen selbst. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) formuliert es unverblümt: Es gibt bislang keine Studien, die belegen, dass eine über den Bedarf hinausgehende Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen gesundheitsförderlich ist.

Wer steckt hinter dem Markt? Konzerne, Lobbyisten und das Machtgefüge

Der deutsche Nahrungsergänzungsmittel-Markt ist kein loser Haufen von kleinen Herstellern, sondern strukturell konzentriert. An der Spitze steht Orthomol pharmazeutische Vertriebs GmbH aus Langenfeld (Nordrhein-Westfalen). Das Familienunternehmen, dessen Gründer Richard Bergheim einst bei Fresenius tätig war, vertreibt keine pharmazeutischen Produkte, sondern ausschließlich Nahrungsergänzungsmittel mit Mikronährstoff-Kombinationen. Dennoch hat sich Orthomol als unangefochtener Marktführer etabliert. Bei der „Favoriten-Studie 2025″ – einer Befragung von mehr als 500 Apothekern – wurde Orthomol zum neunten Mal in Folge als „Bester Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller“ ausgezeichnet. Statista dokumentiert separat die Umsätze von Orthomol im OTC-Segment, wobei die genauen Zahlen hinter Paywalls liegen, aber die Umsatzsignifikanz des Unternehmens klar ist.

Orthomol wendet seit Februar 2024 massiv Kapital für Infrastruktur aus: Ein neues Logistikzentrum entsteht im Innovationspark Leverkusen für den Vertrieb und Versand der Produkte. Die Eigenbezeichnung als „orthomolekulare Medizin“ ist irreführend: Nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin sind die Grundannahmen und Konzepte der Orthomol-Produkte nicht wissenschaftlich belegt und stehen teilweise im Widerspruch zum anerkannten Stand der Ernährungswissenschaften. Der Nobelpreisträger Linus Pauling prägte 1968 den Begriff der orthomolekularen Medizin in den USA – doch die Idee, kombinierte Vitamin-, Mineralstoff- und Spurenelement-Präparate zur Krankheitsprävention einzusetzen, fand in Deutschland bei Orthomol ihre kommerzielle Blüte.

Jenseits von Orthomol operieren weitere relevante Player:

  • Herbalife International of America (Direktvertrieb)
  • Amway (Direct Sales Network)
  • Nestlé (Nutrition- und Gesundheitsprodukte)
  • GlaxoSmithKline (OTC-Segment)
  • Nature’s Bounty Co.
  • Abbott Nutrition
  • Ferschner und Dorschler (in Statista-Umsatztabellen 2020 gelistet, jedoch ohne detaillierte öffentliche Daten)

Was die Preise angeht: Ein einfaches Vitamin-C-Präparat aus der Drogerie kostet wenige Cent pro Tag, während „Premium“-positionierte Marken wie Orthomol – mit einem Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich – bis zu drei Euro pro Tagesdosis verlangen. Multinährstoff-Komplexe für Schwangerschaft oder Sport können sogar über fünf Euro täglich kosten, womit sich Jahresausgaben im vierstelligen Bereich ergeben.

Die Rohstoffkosten für die enthaltenen Vitamine und Mineralstoffe bewegen sich jedoch im Cent-Bereich. Der Löwenanteil des Preises entfällt auf Marketing, Verpackung, Distribution und Gewinnmarge. Laut Untersuchungen ist der Preis die größte Nutzungsbarriere für Verbraucher – was die Industrie mit psychologisch geschickten Maßnahmen wie „Bundle-Angeboten“, „Abonnement-Rabatten“ und influencer-getriebener Empfehlungswerbung zu überwinden versucht. Eine Analyse der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zeigte, dass etliche Schwangerschafts-Präparate BfR-Höchstmengen für Eisen deutlich überschreiten oder unnötige Zusätze enthalten, die den Preis treiben, ohne medizinischen Nutzen zu stiften.

Die legislative Grauzone und ihre Profiteure

Die EU-Health-Claims-Verordnung (EG Nr. 1924/2006) ist formal streng: Gesundheitsbezogene Aussagen dürfen nur verwendet werden, wenn sie von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) wissenschaftlich geprüft und von der EU-Kommission zugelassen wurden. Ein öffentliches Register listet alle erlaubten und abgelehnten Aussagen. Das klingt nach einem wirksamen Schutzmechanismus. In der Praxis sieht es anders aus.

Eine 2025 im Fachjournal Nutrients veröffentlichte Studie untersuchte 102 Protein-Ergänzungsmittel und fand 38 verschiedene Gesundheitsaussagen – von denen lediglich sechs vollständig den regulatorischen Anforderungen entsprachen. Eine andere Analyse von 87 pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln zeigte, dass nur 10,7 Prozent der deklarierten gesundheitsbezogenen Aussagen mit der EU-Regulierung konform waren. Die Dunkelziffer nicht-konformer Bewerbung dürfte erheblich sein, zumal Online-Shops mit internationalem Sitz sich nationaler Überwachung weitgehend entziehen können.

Hinter dieser laxen Durchsetzung steht ein gewaltiges Lobbygeflecht. In Deutschland greift etwa ein Drittel der Erwachsenen regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln, ohne dass eine Unterversorgung an Nährstoffen vorliegt. Auf der Industrieseite dominiert der Verband der Nahrungsergänzungsmittelindustrie (VZN) gemeinsam mit dem Lebensmittelverband Deutschland – dem Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft – die politische Interessenvertretung. Beide Verbände reichen regelmäßig Gutachten, Stellungnahmen und Positionspapiere beim Bundestag, dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und den Bundesländern ein. Sie finanzieren Forschung, die Risiken herunterspielt, und führen öffentliche Kampagnen durch, die strengere Regulierung als Bedrohung für Verbrauchfreiheit und Wirtschaft framen.

Der Lebensmittelverband widersprach im März 2022 entschieden dem Positionspapier des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) mit der Begründung, Nahrungsergänzungsmittel seien sichere Lebensmittel. Die Industrie hat Stimmung gemacht, „als ginge es um den Untergang des Mittelstands“ – so die Analyse eines politischen Beobachters zum sogenannten KLWG (Lebensmittelklarheits- und -wahrheitsgesetz). Tatsächlich richtete sich der Widerstand nicht nur gegen Einzelgesetze, sondern gegen eine Politik, die Prävention über Profit stellt.

Auf der Gegenseite positioniert sich der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), der für EU-weite Zulassungsverfahren, bindende Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe und engere Marktkontrollen kämpft. In seinem Positionspaper vom März 2025 fordern vzbv und die deutschen Verbraucherzentralen:

  1. Einführung offizieller Zulassungsverfahren für Nahrungsergänzungsmittel auf EU-Ebene vor dem Inverkehrbringen (nach dem Prinzip „verboten, es sei denn, es ist genehmigt“)
  2. Festlegung EU-weiter Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe, differenziert nach Altersgruppe
  3. Stärkung der amtlichen Lebensmittelkontrolle, insbesondere im Online-Handel

Ein besonderes Problem: Mehrere niederländische Firmen (z.B. Dr. Hittich) haben ihren Firmensitz direkt hinter der deutschen Grenze, meist mit Callcenter in Deutschland und deutschsprachigen Internetshops, und erscheinen so als deutsches Unternehmen. Diese vermarkten ihre Produkte seit Jahren nahezu ungehindert in Deutschland mit unlauterer Werbung trotz zahlreicher Abmahnungen der Verbraucherzentralen, des vzbv und des Verbands Sozialer Wettbewerb (Wettbewerbszentrale).

Auch die viele, in anderen EU-Ländern ansässigen Online-Shops, sind aus Sicht der Verbraucherzentralen folglich unzureichend reguliert. Das hat zum Beispiel der Marktcheck für Isoflavon-Produkte und auch der EU-Kontrollplan „eFood“ bezüglich Gelenkprodukten im März 2018 deutlich gezeigt. Den neuen Herausforderungen des internationalen Handels mit Nahrungsergänzungsmitteln stehen die fehlende Harmonisierung des rechtlichen Rahmens auf europäischer Ebene und eine in Deutschland kommunal organisierte amtliche Überwachung gegenüber.

Die Bewertung von Health Claims für pflanzliche Stoffe (Botanicals) wurde 2010 ausgesetzt – und bis heute nicht abgeschlossen. Das bedeutet, dass für einen ganzen Produktbereich, der gerade boomt (Ashwagandha, Curcumin-Extrakte, Maca, Tribulus), faktisch keine verbindlichen gesundheitlichen Aussagen zugelassen oder abgelehnt sind. Hersteller operieren in diesem rechtsfreien Raum mit suggerierenden Formulierungen, die knapp an der Grenze zum Verbot vorbeischrammen, ohne sie zu überschreiten.

Das Europäische Parlament verabschiedete im Januar 2024 eine Resolution, die eine striktere Umsetzung der Health-Claims-Verordnung forderte. Zwischen Resolution und Rechtsänderung klafft in Brüssel jedoch meist eine Dekade.

Was wirklich in der Pille steckt – und was nicht

Die Vorstellung, synthetische und natürliche Vitamine seien „dasselbe Molekül“ und damit austauschbar, ist eine industrieträgliche Halbwahrheit. Zwar stimmt es, dass etwa Ascorbinsäure aus dem Labor und aus der Acerola-Kirsche chemisch identisch sind. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der sogenannten Lebensmittelmatrix – der Gesamtheit aller Begleitstoffe, die in einem natürlichen Lebensmittel zusammen mit dem Vitamin auftreten.

Paradoxerweise haben isolierte synthetische Vitamine oft eine höhere initiale Bioverfügbarkeit: β-Carotin aus Supplementen wird zu über 50 Prozent absorbiert, während derselbe Stoff aus Spinat nur zu etwa fünf Prozent und aus gekochten Karotten zu rund 26 Prozent aufgenommen wird. Das klingt wie ein Argument für Pillen. Doch die höhere Resorption bedingt gerade das Problem: Eine isolierte Hochdosis umgeht die natürlichen Aufnahmelimits, die die Lebensmittelmatrix erzwingt. Der Körper bekommt mehr, als er verarbeiten kann – und bei fettlöslichen Vitaminen (A, D, E, K) lagert er den Überschuss ein. Das BfR warnt explizit: Über die natürliche Ernährung sei es kaum möglich, zu viele Vitamine aufzunehmen. Über Nahrungsergänzungsmittel schon.

Hinzu kommt der Matrix-Effekt in umgekehrter Richtung: Natürliche Lebensmittel enthalten Enzyme, Cofaktoren und sekundäre Pflanzenstoffe (Flavonoide, Polyphenole), die die zelluläre Aufnahme und Nutzung von Vitaminen verbessern können. Eine Orange liefert nicht nur Vitamin C, sondern Rutin, Hesperidin und eine Vielzahl weiterer Stoffe, deren Synergien in isolierter Form nicht replizierbar sind. Die Forschung zu diesen Interaktionen steckt noch in den Anfängen – was nicht gegen Nahrungsergänzungsmittel spricht, sondern dafür, dass die Behauptung, eine Pille könne ein Lebensmittel ersetzen, wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Wenn Nahrungsergänzungsmittel schaden

Die Liste der belegten gesundheitlichen Schäden durch Nahrungsergänzungsmittel ist länger, als die Werbung ahnen lässt:

Fettlösliche Vitamine akkumulieren. Vitamin A kann bereits in der Schwangerschaft teratogen wirken. Eine chronische Überdosierung führt zu Leberschäden, Knochenschäden und Knochenschmerzen. Vitamin D in Dosen ab 4.000 IE (100 µg) pro Tag wurde bei älteren Frauen mit einer dosisabhängigen Abnahme der Knochendichte und erhöhtem Sturzrisiko assoziiert – also genau das Gegenteil dessen, was die Osteoporose-Prävention verspricht. Bei Herzpatienten verschlechterte dieselbe Dosis die Herzfunktion und führte zu Hypercalcämie.

Auch wasserlösliche Vitamine sind nicht ungefährlich. Vitamin B6 kann trotz Wasserlöslichkeit bei dauerhafter Überdosierung periphere Nervenschäden verursachen, die teilweise irreversibel sind.

Antioxidantien erhöhen möglicherweise die Sterblichkeit. Eine Metaanalyse zeigte, dass die Einnahme von Vitamin A, E und Betacarotin die Lebenserwartung eher verkürzt – vermutlich durch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Die vielzitierte Annahme, „Antioxidantien schützen vor freien Radikalen“, hat sich in Interventionsstudien nicht bestätigt. Im Gegenteil: Hochdosierte Antioxidantien können die adaptiven Stressreaktionen der Zelle stören, die gerade eine protektive Wirkung entfalten.

Wechselwirkungen mit Medikamenten. Vitamin K antagonisiert Blutverdünner. Vitamin C in hohen Dosen kann die Wirkung bestimmter Chemotherapeutika beeinflussen. Johanniskraut beschleunigt den Abbau zahlreicher Medikamente über den CYP3A4-Enzymweg. Über zehn Prozent der Nahrungsergänzungsmittel-Nutzer berichten von unerwünschten Wirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Medikamentenwechselwirkungen.

Verunreinigungen und Deklarationsabweichungen. Während bei Medikamenten der Wirkstoffgehalt um maximal fünf Prozent von der Packungsangabe abweichen darf, sind bei Nahrungsergänzungsmitteln Abweichungen bis zu 50 Prozent dokumentiert. Auch Verunreinigungen mit Schwermetallen, verbotenen Stimulanzien oder Arzneimittelrückständen treten auf – insbesondere bei Produkten aus Drittländern, die über Online-Marketplaces vertrieben werden.

Besonders gefährliche Nahrungsergänzungsmittel werden vom BfR und von Verbraucherzentralen identifiziert: Curcumin, Ashwagandha, Grüntee-Extrakt und Isoflavone weisen regelmäßig problematische Muster auf. Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie, Diabetes mellitus, rheumatoider Arthritis, einer Alkoholabhängigkeit oder einer Krebserkrankung können zwar von bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln besonders profitieren – doch auch hier gilt: Ohne ärztliche Begleitung ist die Einnahme riskant.

Die besseren Alternativen: Warum Lebensmittel nicht nur billiger, sondern effektiver sind

Das Credo sämtlicher relevanter Fachgesellschaften – DGE, BfR, EFSA – ist eindeutig: Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung mit hoher Nährstoffdichte deckt den Bedarf gesunder Erwachsener vollständig. Das Argument der Nahrungsergänzungsmittel-Befürworter, moderne Lebensmittel seien „verarmt“ an Nährstoffen, wird oft wiederholt, aber durch Bodenuntersuchungen und Bundeslebensmittelschlüssel nicht belegt. Auch wenn einzelne Parameter schwanken – die Nährstoffzusammensetzung von Lebensmitteln variiert stärker nach Sorte, Reifegrad, Lagerung und Zubereitung als nach Bodengehalt an Nährstoffen.

Konkret: Wer täglich 300 Gramm Obst, 300 Gramm Gemüse (davon die Hälfte roh), Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, zwei Portionen fettreichen Seefisch pro Woche und gelegentlich Nüsse verzehrt, erreicht nicht nur die Referenzwerte für alle essenziellen Vitamine und Mineralstoffe, sondern zugleich eine ballaststoffreiche Darmflora-fördernde Kost, die das metabolische und kardiovaskuläre Risiko senkt. Eine Pille liefert all das nicht.

Ein weiterer, oft übersehener Vorteil echter Lebensmittel: Sie sättigen. Eine kalorienkontrollierte Ernährung ist über Lebensmittel steuerbar – über Nahrungsergänzungsmittel mangelt es an jedem Sättigungssignal. Wer auf Pillen statt auf Lebensmittel setzt, verfehlt möglicherweise die Kalorienzufuhr, die Ballaststoffversorgung und das kognitive Erleben des Essens, das selbst ein physiologischer Bestandteil der Verdauungsvorbereitung ist.

Die Ausnahmen: Wo Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich sinnvoll sind

Es gibt klar definierte Situationen, in denen Nahrungsergänzungsmittel medizinisch indiziert sind. Diese sind enger gesteckt, als die Industrie glauben macht – aber sie sind real:

Folsäure in der Schwangerschaft. 400 Mikrogramm synthetische Folsäure pro Tag, idealerweise beginnend mindestens vier Wochen vor der Empfängnis bis zum Ende des ersten Trimenons, senkt das Risiko für Neuralrohrdefekte wie Spina bifida. Bei erhöhtem Risiko (frühere Neuralrohrdefekte, Übergewicht, bestimmte Vorerkrankungen) kann die Dosis auf 800 Mikrogramm steigen. Dies ist die am besten belegte Empfehlung für den Einsatz eines Nahrungsergänzungsmittels überhaupt.

Jod für Schwangere und Stillende. Etwa 150 Mikrogramm pro Tag, da der Jodgehalt deutscher Lebensmittel generell niedrig ist und der Bedarf in Schwangerschaft und Stillzeit steigt.

Vitamin B12 für Veganer und Vegetarier. Da Vitamin B12 nahezu ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt, müssen es dauerhaft vegan lebende Menschen ergänzen – etwa 4 Mikrogramm pro Tag (Schwangere 4,5 Mikrogramm, Stillende 5,5 Mikrogramm). Auch Vegetarier sollten ihren Status regelmäßig ärztlich prüfen lassen. Ein B12-Mangel kann irreversible neurologische Schäden verursachen – und tritt oft schleichend auf.

Vitamin D bei eingeschränkter Sonnenexposition. In den Wintermonaten nördlich des 40. Breitengrades, bei dunklem Hauttyp, bei Hausgebundenen oder Menschen, die sich kaum im Freien aufhalten, kann eine tägliche Ergänzungung von 15–20 Mikrogramm (600–800 IE) sinnvoll sein. Entscheidend: Vorher den Serumspiegel messen lassen. Eine pauschale Hochdosis-Vitamin-D-Ergänzung ohne vorherige Bestimmung des 25-OH-Vitamin-D-Spiegels ist nicht indiziert.

Eisen bei diagnostiziertem Mangel. Insbesondere in der Schwangerschaft, bei starken Menstruationsblutungen oder chronischen Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts. Eine prophylaktische Eisenergänzung ohne Blutbild ist kontraproduktiv, da überschüssiges Eisen prooxidativ wirkt und kardiovaskulär ungünstig sein kann.

Spezielle Erkrankungen. Menschen mit Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, nach bariatrischen Eingriffen oder mit bestimmten Krebserkrankungen können von gezielter, ärztlich begleiteter Nahrungsergänzungsmittel-Einnahme profitieren. Hier geht es um Substitution, nicht um Optimierung.

Omega-3-Fettsäuren für Vegetarier/Veganer und Nicht-Fisch-Esser. Der Bedarf an DHA (200–300 Milligramm pro Tag) kann über zwei Portionen fetten Seefisch pro Woche gedeckt werden. Wer diesen nicht verzehrt, sollte auf mikroalgenbasiertes DHA zurückgreifen.

Die leise Industrie von Influencern und Micro-Trends

Ein Aspekt, der in der Mainstream-Debatte oft fehlt: Die Nahrungsergänzungsmittel-Industrie hat sich in den letzten Jahren radikal dezentralisiert. Wo früher Apotheken und Drogerien die primären Vertriebskanäle waren, dominieren heute Social-Media-Influencer, Affiliate-Modelle und direkte D2C-Abonnement-Plattformen. Das ist nicht nur ein Vertriebsphänomen, sondern ein regulatorisches: Influencer sind rechtlich schwerer zu fassen als klassische Werbeanbieter. „Boosts your energy“, „supports brain health“, „enhances focus“ – die Sprache bewegt sich in einem Graubereich, der gerade wegen fehlender offiziell-anerkannter Gesundheitsaussagen funktioniert. Die EFSA hat zwar viele solcher Aussagen abgelehnt, was bedeutet, dass sie auf Verpackungen nicht erscheinen dürfen – im Instagram-Post hingegen gelten andere Regeln.

Fazit: Weniger ist meistens mehr

Die evidenzbasierte Quintessenz lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Nahrungsergänzungsmittel sind für gesunde, sich ausgewogen ernährende Erwachsene ohne diagnostizierten Mangel nicht erforderlich – und in einigen Fällen schädlich. Die Ausnahmen sind klar definiert, eng umrissen und überwiegend ärztlich zu begleiten. Wer Nahrungsergänzungsmittel nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern aus Sorge vor latentem Mangel einnimmt, investiert Geld in eine Hypothese, die die Wissenschaft nicht stützt, und trägt zu einem Markt bei, dessen regulatorische Durchsetzung offensichtlich unzureichend ist.

Die beste Nahrungsergänzungsmittel-Strategie ist immer noch die billigste und effektivste: Eine Orange. Ein Stück Lachs. Ein Bund Petersilie. Sie kommen mit einem Beipackzettel, der seit Millionen Jahren erprobt ist.

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* Dieser Artikel wurde mit Hilfe von KI erstellt
– auf Basis sorgfältig erarbeiteter Stichworte und zielführend definierter Handlungsanweisungen, jedoch ohne Anspruch auf allgemeingültige Relevanz bzgl. des Themenkomplexes und Vollständigkeit.

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